Psychotherapiepraxis Martina Woocker - - Dipl.-Psychologin/Heilpraktikerin (Psychotherapie) -
Der Abstinenz-Rausch - 27.07.2019

Auf dieser Seite greife ich den Begriff Abstinenz-Rausch noch einmal auf und ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es sich bei diesem Wort (noch) nicht um eine wissenschaftliche bzw. bisher veröffentlichte oder anerkannte Bezeichnung handelt.

Jedoch suche ich seit längerer Zeit nach einem Begriff, den auch abhängikeitserkrankte Menschen annehmen können, die mit Alkohol kein Problem haben, die allerdings zugeben, dass sie ansonsten sämtliche Symptome des so genannten Trockenrausches (Schneider, 2001) auch in ihrem eigenen Verhalten bestätigen.

Die Frage, die sich mir stellte, war, wie es denn dazu kommt, dass Menschen, die eine Abstinenz-Entscheidung getroffen haben, auf einmal in ein so großspuriges Verhalten verfallen, sich maßlos und ungeduldig zeigen und immer wieder sehr schnell beleidigt sind, wenn nicht sofort auf eine Bitte von einem anderen Menschenreagiert wird.
Wiederum hat mich zur Beantwortung dieser Frage meine Rückfallprophylaxe-Arbeit, die ich 2x wöchentlich in der JVA Rheinbach in Gruppentherapien und Einzelgesprächen durchführe, vielleicht ein Stück weiter bringen können.
Alle von mir befragten Teilnehmer der Rückfallprophylaxe-Gruppen gaben an, dass sie sich bisher noch nie mit ihrem Gefühlsleben auseinandergesetzt hätten. Im Grunde könnten sie die Frage, warum sie eigentlich konsumieren würden, nicht richtig beantworten.
Sie wären stolz darauf, dass sie sich einige Strategien aneignen konnten, um für einige Zeit abstinent bleiben zu können.
Dann aber wäre irgendetwas geschehen und ein Rückfall wäre eingetreten....und so wäre es immer wieder gewesen.
Und irgendwie hätten sie sich mittlerweile daran gewöhnt.

Ich stellte und stelle fest, dass es also für viele Menschen, die an einer Suchtproblematik leiden, möglich ist, eine Abstinenz- Entscheidung zu treffen, die zu irgendeinem bestimmten Zeit-punkt wieder aufgegeben wird.

Und in dem Augenblick, wenn es für den Menschen kaum noch möglich ist, die Abstinenz-Entscheidung aufrecht zu halten, wird der verzweifelt um seine Abstinenz kämpfende Mensch immer maßloser, ungeduldiger und großspuriger. Wir fragen: Was geschieht gerade mit diesem Menschen?
Unsere Antworten darauf sind dann, dieser Mensch hat halt Suchtdruck, Gewöhnungsprozesse, die ihn einholen, das Suchtgedächtnis meldet sich...etc...

Ein Teilnehmer meiner Rückfallprophylaxe-Gruppe, der auch ein Alkoholproblem bekämpft und sich aus diesem Grund auch nicht gegen das Wort 'Trockenrausch' wehrt, meinte einmal zu mir:
"Das kann sich keiner vorstellen, was ich mitmache, wenn ich eine Abstinenz-Entscheidung fälle. Dann bin ich so stolz auf mich ja wie im Rausch und ich genieße dann das Lob von meiner Familie in vollen Zügen. Alle wollen dann, dass ich an meiner Abstinenz-Entscheidung festhalte und sofort, wenn ich irgendetwas will, dann steht meine Frau parat. Alles wird für mich gemacht......
Und dann kommt immer wieder der Tag, da werde ich nicht mehr so gelobt und es wird mir nicht mehr alles so hinterhergetragen und ich werde so sauer, das kann sich keiner vorstellen. Und ich beschimpfe dann jeden, werde immer launischer und ungeduldiger und denke mir, dass die sich doch gar nicht vorstellen können, was ich hier seit Wochen mitmache ohne Suchtmittel. Und das Lob und so...das hat mich hochgehalten und vom Konsum fern. Aber täglich zu konsumieren, das ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit für mich...und dann mache ich das auch wieder."

Auf meine Frage, ob er jemals sein Gefühlsleben angeschaut hätte und sich gefragt, inwieweit denn seine Gefühle mit seiner Suchtproblematik in Verbindung gesehen werden könnten, verneint er dies.

Dieser gerade beschriebene Teilnehmer steht stellvertretend für Aussagen von Patienten, die meine suchttherapeutische Begleitung anfragen - ob es Patienten in der JVA sind, ob es sich um Patienten in meiner Praxis handelt, oder Patienten, die ich gemeinsam bzw. in Kooperation mit Ärzten behandele.

Sie alle machen die Aussage, dass sie sich noch nicht intensiv mit ihrem Gefühlsleben in Zusammenhang mit ihrer Suchtproblematik beschäftigt hätten. Sie alle bestätigen jedoch die Symptome eines Abstinenz-(Trocken)-Rausches.

Eine Berauschung würde sich tatsächlich manchmal allein aufgrund der getroffenen Abstinenz-Entscheidung einstellen. Das Lob von allen Seiten und die Anerkennung - das alles könnten sie sehr gut gebrauchen.
Fiele dann das Lob und die Anerkennung weg, weil sich die anderen Menschen mittlerweile daran gewöhnt hätten, dass der suchtkranke Mensch abstinent lebte, kämen viele der Symptome hoch, welche die Definition 'Trockenrausch' beschreibe.

Vielleicht sollte mittlerweile sogar von einem

Abstinenz-(Rausch-) Syndrom/Martina Woocker, 28.07.2019

gesprochen werden.